Textatelier
BLOG vom: 11.10.2007

Ränkespiele, Verschwörungsstrategien, Komplotte, Mobbing

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
In der Schweiz tobt der Wahlkampf, von der Rhetorik bis hin zu einer Strassenschlacht am 6. Oktober 2007 in der Bundeshauptstadt Bern mit 21 Verletzten, als etwa 500 vermummte Linksextremisten ("Linksautonome") mit Zerstörungsdrang einen Umzug der Schweizerischen Volkspartei stoppten und die Polizei vorerst durch Abwesenheit glänzte.
 
Am 21. Oktober 2007 finden die Parlamentswahlen (zum National- und Ständerat) statt, die anschliessend auch Folgen auf die Zusammensetzung des 7 Köpfe umfassenden Bundesrats haben. Somit wird bestimmt, wer in den nächsten 4 Jahren das Sagen haben wird. Und bei solchen Gelegenheiten wird die Politik etwas hitziger als sonst.
 
Bei den Wahlen in der Schweiz ist weit weniger Geld im Spiel als in den USA, wo die Korruption ihrer höchsten Vollendung zustrebt. Ohne Geld geht es aber auch in der Schweiz nicht: Plakate, Inserate und Veranstaltungen mit Abgabe von Werbegeschenken kosten Geld. Und davon hat die Schweizerische Volkspartei (SVP) am meisten. Allein auf die Leistungsbilanz mag sich niemand verlassen – und sei sie noch so gross oder noch so mager.
 
Wahlkämpfe basieren auf einer Strategie, und diese hat mit Kriegskunst zu tun. Schon vor Jahrtausenden haben findige und oft auch windige Köpfe versucht, den Gegner mit List und Tücke zu vernichten. Zum Erstürmen von Festungen wurden grosse Maschinen und Schiessinstrumente erbaut, und die Verteidiger leerten heisses brennendes Öl auf die Köpfe der Angreifer. Bei wilden Gemetzeln war jedes Mittel recht, um den Gegner zu besiegen. Die Waffen wurden immer gemeiner bis hin zu den Atombomben, deren sich die mit grossem Abstand enthusiastischste Kriegsnation dieser Erde, die USA, so sehr erfreut. Sie kann gar nicht genug davon bekommen, und weil sie mit ihrem nuklearen Arsenal die Erde mehrfach zerstören könnte, fühlt sie sich stark und darf alles, aber auch wirklich alles. Und alle kuschen.
 
Doch will ich die Leser nicht mit solchen weltpolitischen Hinweisen foltern, sondern es ging hier bloss um den Hinweis, dass gute Strategen vor nichts zurückschrecken und dies eben auch bei politischen Ausmarchungen der Fall ist, auch wenn mit subtileren Geschossen hantiert wird. Bei früheren Wahlen sprach man jeweils noch von Ränkespielen. Das Wort ist abgeleitet von „Rank“, einer schnellen drehenden Bewegung, die auch die Strassen, insbesondere unsere wunderbaren Alpenpässe, kennen. Doch dann wurden Ränke geschmiedet, was etwa bedeutet haben könnte, dass die Sachen verdreht wurden. Es wurden als Ränke ersonnen, und solche Ränkespiele zielten darauf ab, den Gegner herunterzumachen und sich selber in den Vordergrund zu schieben.
 
Der Begriff Ränkespiel hat sich überlebt, und wegen seines Anklangs ans Spielen als vergnüglicher Zeitvertreib wäre er ja auch zu harmlos. Für den CH-Wahlkampf 2007, bei dem die rot-schwarz-grüne Seite mit durchtriebenen Ränkespielen versucht, via die Parlamentswahlen eine Wiederwahl von Bundesrat Christoph Blocher zu verhindern, mussten also neue Begriffe her. Man fand sie (im Anklang an die Verschwörungstheorien) bei der Verschwörung. Das ist eine gemeinsame Aktion gegen eine Person (oder auch gegen die staatliche Ordnung). Unter dem Motto „Einigkeit macht stark“ schliessen sich Gleichgesinnte jedweder Couleur zusammen, um eine Person (bzw. die damit verbundene Partei) abzuschiessen. Man plant gemeinsame Aktionen aus dem Hinterhalt, zielgerichtet auf die Führerfigur Blocher, die seit Jahren anstehende Probleme löst und dadurch unter Beweis stellt, dass das Regieren nicht nur ein Verwalten im komplizierten Biotop sein muss, sondern eben auch zu Lösungen und Einsparungen führen kann. In einem Umfeld, das von Mittelmässigkeit geprägt ist, wird dies nicht gern gesehen. Als ganz besonders gravierend wird betrachtet, dass dies ausserhalb des globalisierenden Mainstreams geschieht und dabei gerade noch traditionelle Werte hochgehalten werden. Das muss ja alle Veränderer verärgern.
 
Damit eine Verschwörung richtig funktioniert, muss sie nach einem ausgeklügelten Plan erfolgen, der natürlich geheimgehalten werden muss. Es ist also ein Geheimplan. Dieser Begriff begleitet das schweizerische Wahlkampfumfeld auf Schritt und Tritt.
 
Zuerst traf der Geheimplan-Vorwurf Christoph Blocher. Falls das Wort zutreffend sein sollte, müsste man von einem dilettantischen Geheimplan sprechen. Denn die „Beweisstücke“, auf die sich die Sprecherin der nationalrätlichen Geschäftsprüfungskommission, Lucrezia Meier-Schatz (CVP), unter rhetorischem Getöse (mit Hinweis auf Anklage bei der Bundesanwaltschaft) bezog („Neue Dokumente im Fall Holenweger“), waren lächerlich, jämmerlich: hingekritzelte Gedankenstützen zum persönlichen Gebrauch ohne jeden Aussagewert, ohne jede Bedeutung. Nachdem sie als Kinderei entlarvt waren, wandten sich die Medien eilig anderen Themen zu, das heisst sie trieben andere Sauen durchs Dorf, wie es im einschlägigen Jargon heisst. Es geht da ums Erwecken von Aufmerksamkeit.
 
Zudem trat im gleichen Zusammenhang auch ein anderes Wort auf: Komplott. Das bezeichnet den Anschlag auf eine einzelne Person oder aber auf eine Institution wie eine Regierung. Zuerst wurde SVP-Bundesrat Blocher vorgeworfen, er sei an einem Komplott zur Absetzung von Bundesanwalt Valentin Rorschacher beteiligt gewesen. Er hat durchgesetzt, was sich praktisch alle wünschten: dass Rorschacher, der für die Sendung „Pleiten, Pech und Pannen“ geeignet wäre, das Feld räumte. Der Gesamtbundesrat ortete bei Blocher keine Kompetenzüberschreitung, liess aber den Fall gleichwohl untersuchen.
 
Die GPK, in der alle wichtigen Parteien vertreten sind, hatte bis dahin ein gutes Ansehen. Unter der Leitung von Lucrezia Meier-Schatz aber liess sie sich politisch instrumentalisieren, was bisher noch nie in diesem Ausmass vorgekommen war. Eine offensichtlich tendenziöse Umschreibung von Fakten im Interesse wahlstrategischer Ziele nährte selbstredend die kühnen Geheimplan-Fantasien, diesmal allerdings in der entgegengesetzten Richtung, bei der SVP.
 
Die SVP drehte die Komplottvorwürfe radikal um (siehe: Ränke) und sprach von einem Komplott gegen Bundesrat Blocher, abgeleitet aus den vorangegangenen Ränkespielen, die es offenbar sogar innerhalb der Landesregierung gab.
 
In der Politik neigt alles zur Grösse, in der politischen Diskussion neigt alles zum Aufbauschen, zur Übertreibung. Für mich persönlich wären die Geschehnisse im Rahmen des CH-Parlamentswahl-Theaters problemlos auf einen ganz einfachen Nenner zu bringen: Mobbing. Dieses aus dem angelsächsischen Raum stammende Wort gefällt mir zwar auch hinten und vorne nicht. Es bezeichnet beispielsweise in der Arbeitswelt die mit der neoliberalen Globalisierung, die zu einem totalen Verdrängungskampf führt, einhergehenden Schikanen, Quälereien, Verletzungen und hinterlistigen Verleumdungen von Kollegen mit der Absicht, sie zu vertreiben, um die eigene Position zu sichern, vor allem in den oberen Etagen. Ich bin ehrlich dankbar dafür, nicht mehr in diese moderne Arbeitswelt eingebunden zu sein. Mir ist ein konstruktives Arbeiten in Frieden lieber als das Abwehren von Attacken und Richtigstellen von Verleumdungen.
 
Mobbing-Spielchen werden offensichtlich – mit den gleichen Zielsetzungen – auch in der Politik ausgetragen, und hier besteht eine grössere Gefahr (Chance), dass sie publik werden, denn die Politik ist ja eine weitgehend öffentliche Sache. Den Medien werden gern unter der Hand verquere Informationen zugespielt, auf dass sie diese bitte an die grosse Glocke hängen. Sie läuten gern, weil dies Aufmerksamkeit verschafft. Im politischen Bereich wird versucht, nicht Arbeitskollegen, sondern andere Parteien und deren Exponenten zu vertreiben, doch das Prinzip bleibt. Und wenn alles genügend publik und damit durchschaut ist, besteht die Gefahr, dass die Schüsse nicht nur zu Rohrkrepierern werden, sondern gleich hinten hinaus gehen, zur Freude der Opfer, die sich dann wieder erholen können.
 
Wahlkämpfe sind ein guter Anschauungsunterricht zur Beurteilung von Ethik und Moral der Akteure. Sie erleichtern dem Publikum die Wahl und erfüllen so ihren Zweck durchaus. Man wird ja nicht denjenigen oder diejenige wählen, der/die am besten mobbt, sondern sich für sachkompetente Persönlichkeiten mit ethischem, korrektem Verhalten entscheiden.
 
Die Oberstrategen und professionellen Mobber vergessen das gern und vergaloppieren sich, finden den Rank nicht. Der Trost wohnt also nicht nur im Himmel.
 
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